Projekt

Der Fund

Ich habe ein Auto gefunden, komm mal ins Büro

So begrüßte Tommy mich am Telefon, als er mich anrief. Das musste etwas bedeuten, normalerweise kommunizierten wir vorwiegend virtuell, schließlich arbeiten wir beide im Internet. Was das für mich bedeuten sollte, war mir zu dem Zeitpunkt aber noch nicht klar.

Also schnell zu ihm rüber ins Büro und gleich an den PC gesetzt. Es wurde mobile.de aufgerufen (man munkelt, es sei die Startseite bei uns). Während Tommy bei Mobile folgende Suchdaten eingab: „Nissan Skyline, Standort: Deutschland“, fragte er mich „Was sagt Dir Nissan Leopard?“. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich noch nie davon gehört hatte. Streng genommen kannte ich auch bisher nur die im Prolog erwähnten Nissan-Modelle. Ich stutzte eher über das Suchformular. Schließlich waren wir uns im Vorwege einig geworden, dass ein Skyline eigentlich nicht in Frage kommt. Außerdem, warum sollte uns ein Leopard angezeigt werden, wenn wir nach Skyline suchen?

Während sich die Ergebnisseite aufbaute, begann Tommy schon, zu erzählen. „Also pass auf, dieses Auto ist irgendwie ein bisschen Skyline und vom Motor her ein Nissan 300ZX, weil sie keine eigenen Motoren für diese Serie hatten. Deswegen musste mein Motor für das Topmodell hinhalten“.

Ok, bis hierhin verstand ich nur Bahnhof. Also bat ich Tommy, von vorn anzufangen. Sein zweiter Anlauf:

„Die wollten ein Luxuscoupé für den japanischen Binnenmarkt (JDM) bauen und haben sich bei den Teilen aller möglichen anderen Modelle bedient. Dabei ist DAS herausgekommen“. Mit diesen Worten zeigte er auf das mittlerweile geladene Inserat.

Schnell checkte ich das Inserat, während Tommy noch am schwärmen war:

Nissan Leopard – ok, noch nie gehört.
211.000 Kilometer gelaufen – autsch…hmm nagut.
255 PS – geil
Baujahr ’89 – alles klar älter als ich, muss nichts Schlechtes heißen.

Mal Bilder angucken… Oh! Fernseher in der Mittelkonsole. Lederausstattung. Rückenlehne per Kompressor aufpumpbar. Ich stehe ja auf solchen Spielkram. Tommy ist da eher minimalistisch aber scheinbar wollte er Rücksicht auf mich nehmen und hat tatsächlich was gesucht, was mir gefallen könnte. Also weiter gescrollt. Was will der Verkäufer haben? 2.500€! Wahnsinn, das ist ja geschenkt…gemäß dem Fall, dass vorn ein funktionierender Motor drin steckt.

Ich ließ den Leopard erstmal auf mich wirken. Die besondere Karosserie hatte mich irgendwie direkt in ihren Bann gezogen. Und dann geschah auch noch dank der Felgen eines der größten Wunder des Jahrhunderts. Denn obwohl ich ein Autoliebhaber bin, habe ich mich noch nie – ich betone NIE – für Felgen, deren Form oder deren Aussehen interessiert. Doch nun hatte ich diese dreiteiligen Work-Felgen vor mir und dachte das erste Mal in meinem Leben „Wow sehen die geil aus!“.

Ups, laut ausgesprochen. Tommy ist genau so schockiert über meine Worte wie ich. Wir schweigen kurz, dann grinsen wir beide. Wir sind unserem Frieden ein entscheidendes Stück näher gekommen. Das Auto gefiel mir zu diesem Zeitpunkt wirklich. Das allein war erstmal nichts besonderes. Viele Fahrzeuge gefielen mir in den letzten Jahren, doch hier war es mehr: Ich dachte das erste Mal konkret über einen Kauf nach. Und es sollte nicht das letzte Mal sein.

Tommy und ich gingen an diesem Tag erst einmal unverbindlich auseinander. Ich brauchte eine Bedenkzeit. Sie wurde mir gestattet und wenige Tage später teilte ich Tommy die Entscheidung und einen Auftrag mit:

Für 2.000€ nehm ich ihn!

Das sollte machbar sein, war meine Überlegung. Ich hätte ihn zwar vermutlich auch für 2.500€ genommen aber man kann ja mal schauen, was geht. Dabei spielte der Lack uns in die Karten, denn dieser erhielt von uns beiden bei der ersten Begutachtung der Bilder das Prädikat: „Boah sieht der scheiße aus!“ Wie wir später feststellten, ist der Lack einst von derben Gesellen kurzerhand per Farbrolle aufgetragen worden.. autsch. Weiterhin sollte die hohe Laufleistung eine Rolle bei den Verhandlungen spielen. Das war natürlich nur Taktik, schließlich gilt diese Motor-Rumpfgruppe bei angemessener Wartung als äußerst langlebig.

Das ist er - der Lack handgerollt.

Das ist er – der Lack handgerollt.

Auch, wenn ich der ausgebildete Vertriebler von uns beiden war, ging Tommy in den Preiskampf. Das war absolut notwendig, denn hier ging es um den Kauf und nicht den Verkauf. Außerdem wäre das sein 14. Autokauf. Das waren irgendwie 14 Autokäufe mehr, als ich bisher bestritten hatte.

Also ging ich in gespannter Erwartung ins Bett und am darauffolgenden Tag zur Arbeit, bis mich wieder ein wichtiger Anruf ereilte. Es sollte einer von vielen Anrufen während des Projektes werden.

„Freitag können wir ihn holen“, schallte es mir aus dem Hörer entgegen, nachdem ich mich – da im Büro – ganz förmlich gemeldet hatte. Ein sehr breites Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit. Wir hatten Mitte August und in 4 Tagen würde ich mir vielleicht ein „neues“ Auto kaufen.

In den nächsten Tagen konnte ich meine freudige Erwartung kaum verbergen. Allerdings durfte ich dabei nicht vergessen, dass es auch ein Reinfall werden konnte und ich musste mir im Klaren sein, dass mich im besten Fall eine Baustelle und im schlimmsten Fall ein Auftrag für die Schrottpresse erwarten wird.

Die Gedanken kreisten um Leo. Zur Entspannung schaute ich mir alte japanische Werbevideos über den Nissan Leopard an. Und dann kam Freitag, der 19. August….

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  1. Pingback: Der Kauf – Teil 1 – Nissan Leopard

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